Gelesen am 8. März 2009 in Wels bei frauenstimmen erlesen
Den bemerkenswertesten Tod in unserer Familie ist mein Großvater gestorben. Er wurde 1911 in Österreich geboren. War Halbjude. Kommunist. Und ist in Auschwitz gewesen. Mein Opa ist nicht im Konzentrationslager gestorben. Er hatte einen Aortariss, als ich 15 war. Heute bin ich 31. Für mich ist das Gefühl zurückgeblieben, dass er sein Leben gelebt hat, bevor ich an dessen Rand getreten bin. Lange habe ich mich da nicht mehr hinein gedacht.
Ich schreibe seit sechs Jahren. Das bedeutet, ich habe meine Texte so lange nicht mehr vernichtet. Seit ich mir zugegeben habe, dass ich ohne mein Schreiben nicht werde glücklich sein können, warten die Geschichten in mir. Drängen gegeneinander. Jede will als Erste hinaus. Ich halte meine Hände über sie, damit sie mich nicht überschwemmen.
Ich arbeite an einem Roman. Die nachfolgenden Projekte habe ich in eine Reihung dirigiert. Manchmal wechseln sie die Positionen, aber die Verwirrung ist überschaubar. Da stellt sich mein Großvater dazu. Ich habe ihn nicht gesehen, weil er ganz hinten gestanden ist. Langsam hat er mit den anderen die Plätze getauscht. Er hat den Wartenden die Hand auf die Schulter gelegt. Sie haben genickt. Jetzt steht er vor mir. Er sagt nichts. Er schaut mich an.
Über meinen Großvater habe ich viele Sätze gehört. Am häufigsten den, was für ein bemerkenswertes Leben er geführt hat. Ich habe dann verwundert an ihn gedacht. Habe ihn gesehen. Wie er in seinem Sessel gesessen ist. Gelesen hat, oder geschwiegen. Wie er mit meiner Mutter, seiner Schwiegertochter, Karten gespielt hat. In der Ferienhütte am Baggerteich.
Am liebsten habe ich meinen Opa gemocht, wenn er mir Balladen vorgelesen hat. Die Glocke. Den Taucher. Den Handschuh hat er auswendig gekannt. Und fast immer stelle ich ihn mir vor, in seinem Wohnzimmer, den Blick in die Ferne gerichtet, einen weißen Handschuh vor sich haltend, rezitierend, während ich ein kleines Mädchen bin. Auf dem Boden sitze, zu ihm hinauf schaue, nicht begreife, worum es wirklich geht. Nur, dass ich es mag.
Über meinen Opa weiß ich, dass er im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat. Dass er in Frankreich untergetaucht ist. War er auch in Russland? Sein Vater hat Jakob geheißen. Wie mein Mann. Bevor wir geheiratet haben, haben wir überlegt, welchen Namen wir tragen wollen.
„Mir ist es egal“, habe ich gesagt und mein Mann hat geantwortet, dass er seinen Namen eigentlich nicht so gern möge, er wünsche sich nur, dass wir den Gleichen hätten.
„Gut, das ist mir auch wichtig“, habe ich geantwortet, „heißen wir Meisel.“
Dann habe ich ihm einige Gründe genannt, warum ich das sehr gut fände. Eigentlich. Und als Letzten: „ Mein Opa hat sich immer einen Enkelsohn gewünscht, damit sein Name erhalten bleibt. Der würde sich freuen!“
Dass mein Opa einen Enkelsohn wollte, weiß ich aus folgender Geschichte:
Meine jüngere Schwester Alexandra kam zur Welt. Meine Eltern haben ein Telegramm an meine Großeltern verschickt. Drinnen stand: Alexander ist da! Mein Opa war außer sich vor Freude.
Diesen Wunsch meines Großvaters habe ich nie vergessen. Er hat mich verletzt. Und verwirrt. Zu mir war mein Opa niemals patriarchisch. In meiner Anwesenheit hat er sich weder meiner Großmutter, noch einer anderen Frau in der Familie gegenüber so verhalten. Ich habe gedacht: „Naja, das war halt die Zeit!“
Vor kurzem habe ich mir überlegt, was jemandem, der von Ausschwitz geflohen ist, sein Name bedeuten mag.
Mein Opa ist nach seiner Pensionierung in Schulen gegangen. Er hat Vorträge über den Nationalsozialismus gehalten. Mir hat er nichts erzählt. „Du hättest fragen müssen“, hat mir jemand gesagt. Warum habe ich das nicht getan! Sogar Memoiren hat mein Großvater hinterlassen. Aufgeschrieben von einem Journalisten. Ich habe zweimal versucht sie zu lesen. Ich habe abgebrochen, weil ich mit dem Schreibstil nicht zu Recht gekommen bin. Warum habe ich das gemacht?
Ich habe den Schriftsteller Robert Schindel getroffen. Er hat meinen Opa gekannt. Er hat mir Telefonnummern gegeben. Von einer Freundin meines Großvaters, die noch lebt und von der Leiterin des Archivs des jüdischen Museums. Ich habe sofort meine Mutter angerufen und dann meinen Vater.
„Ja,“ hat meine Mutter gesagt, „ Im Archiv des jüdischen Museums hat er mitgearbeitet. Eine Zeit lang war er jeden Tag dort.“
„Ja,“ hat mein Vater gesagt, „Das war eine Freundin vom Opa. Ihr Sohn war früher mein bester Freund. Ich geb dir seine Nummer. Ruf ihn an, dass er mit dir gemeinsam zu seiner Mutter geht. Sie ist schon über achtzig.“
Ich denke: „Alles war immer da!“ Ich verstehe mich nicht. Du musst dich nicht schuldig fühlen, sagen meine Freunde. Ich fühle mich schuldig.
Ich rufe die Freundin meines Großvaters an. Ich will nicht mit dem Sohn sprechen. Später vielleicht. Mein Herz klopft. Sie hebt ab. Ihre Stimme klingt nicht wie die einer alten Frau. Ich erkläre, wer ich bin, wer mir ihre Nummer gegeben hat, was ich möchte.
Sie sagt: „Melden sie sich, wenn sie in Wien sind. Ich wohne noch in der gleichen Straße. Um die Ecke von dort, wo ihre Großeltern gelebt haben. Dienstags und Mittwochs habe ich keine Zeit. Da besuche ich Kurse. Donnerstags geht es auch nie.“
Ich bin erstaunt.
„Google deinen Großvater doch mal“, hat mir Robert Schindel geraten. Ich tippe den Namen meines Opas in die Tastatur meines Laptops. JOSEF MEISEL. Eine Seite des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands erscheint. Es gibt einen Auszug aus dem Tagesbericht der Gestapo Wien von 1943. Darin wird er als Volljude bezeichnet…
War er das? Ich habe geglaubt, dass nur sein Vater Jude war. Oder ist das ein Ausdruck der Nationalsozialisten?
Ich sehe mir die Fotos an. Ich kenne sie aus den Memoiren meines Großvaters. Ich klicke darauf. Erhalte die Vollansicht. Die Bilder hat die Gestapo bei seiner Verhaftung geschossen. Er sieht darauf aus, als wolle er seinem Gegenüber ins Gesicht spucken. Ich bin stolz.
Erich Hackl hat einer Erzählung über meinen Urgroßvater Jakob Meisel und seine Söhne geschrieben. Sie ist erschienen, als meine Oma noch gelebt hat, mein Opa schon tot war. Ich habe meine Großmutter danach gefragt. Sie hat das Gesicht verzogen und behauptet, dass darinnen nicht alles der Wahrheit entspräche. Was, hat sie mir nicht sagen wollen.
Ich habe die Erzählung zweimal gelesen. Ich lese sie ein drittes Mal. In einem Absatz schreibt Hackl, wie mein Großvater 1968 nach der Niederwalzung des „Prager Frühlings“ aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen wurde, als er nicht mehr bereit war, die „Normalisierung“ hinzunehmen.
Das habe ich gewusst. Darauf bin ich immer besonders stolz gewesen. Dass er bereit war, seine Partei, für deren Überzeugungen er in einem fremden Land gekämpft hat, für seine Zugehörigkeit zu ihr er in seiner Heimat beinahe getötet worden wäre, aufzugeben. In Erich Hakels Erzählung steht aber gleich nach dem Satz über den Ausschluss: Er betrachtete sich weiterhin als Kommunist.
Ich lege das Buch aus den Händen. Ist das wahr? Mein Großvater wird immer interessanter für mich und ich begreife, dass ich erst am äußersten Anfang meiner Spurensuche bin.