Archiv für das Thema: ‘Rita Silber’

8
März
2009

Die Flut

oder   Das Leben ist ein Schiffbruch, rette sich wer kann!

Gelesen am 8. März 2009 in Wels bei frauenstimmen erlesen

Ich war noch sehr jung, als sie mich das erste Mal erreichte, diese Flut, die mich nie mehr ganz verließ und die über mein Leben bestimmt, sobald sie über mich hereingebrochen ist.  Bis zum heutigen Tage ist sie mein Trabant, der sich nicht abschütteln lässt.  Ich konnte mir anfangs diesen Gefühlszustand nicht erklären, dieses ständige Auftauchen aus riesigen Wellen, die über mich hinwegspülten. Atemholen und Weitertauchen, Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche, Monat für Monat. Ich dachte  noch an eine pubertäre Phase, es würde schon vorbeigehen. Die Flut ging auch vorbei, kam aber wieder, ging vorbei und kam wieder, mal in kurzen, mal in langen Abständen, mal intensiv, mal weniger intensiv, jahrzehntelang  Die ersten Anzeichen waren nie zu übersehen, kamen manchmal schleichend,  manchmal überfallartig. Die Wellen kamen langsam auf mich zu, gingen wieder  zurück und kehrten, gestärkt mit größerer Intensität wieder zurück.
Ein Gefühl der Ohnmacht ob der drohenden Katastrophe machte sich breit, es war wieder so weit!  Mein Frühwarnsystem hat stets „Evakuierung“ angezeigt, ja aber wohin mit mir? Ich versuchte zu fliehen, fand jedoch kein geeignetes Rettungsboot und auch der höchste Baum war nutzlos. Das Wasser erreichte mich immer wieder. Ich fühlte mich über weite Strecken wie eine Gestrandete, knapp dem Ertrinkungstod entkommen. Der Kampf gegen die Wellen ist naturgemäß schon anstrengend genug, die Angst davor raubte mir zusätzlich Kraft.
Ich konnte mich nie retten, bis zum heutigen Tage, die Wellen behielten (behalten) die Oberhand, zu Hilfe, ich ersaufe erbärmlich!  Diese Phasen, die manchmal nur Tage, manchmal Wochen und Monate dauerten, nahmen mir jede Lebensfreude und Lebensmut.  Während der schlimmsten Flut, welche ein ganzes Jahr lang andauerte, tauchte immer wieder der Sensenmann auf, mein „Rettungsanker“. Er aber sah mich nicht. Die Flut war einfach zu hoch!   Die Flut war stärker als alle Liebe, sie kam und ging wie letzten Endes auch die Liebe.     Wenn mir das Wasser bis zum Hals steht gibt’s nur eines: Kopf hoch, damit ich nicht ersaufe. Dieser Kraftakt kostet mich mehr Energie als ich besitze, so als müsste ich jeden Tag den Ärmelkanal durchqueren. Abends ziehe ich den Schwimmanzug aus und  schließe die Augen. Ich warte auf den Schlaf, der, wenn er kommt, eine Erlösung ist, die mich für einige Stunden aus der Gefahrenzone bringt. Doch es kommt ein neuer Tag und dann heißt es wieder Auftauchen, Atemholen und  weitertauchen. Ich habe stets gegen die Flut angekämpft, wollte ihr ausweichen, wollte sie umleiten, wollte sie umschiffen, wollte sie negieren, wollte sie verdammen, wollte sie verleugnen, wollte sie vernichten, wollte sie wegreden, wollte sie wegdenken, wollte sie weglaufen, wollte sie verbrennen, vergebens -  die Flut findet immer den Weg zu mir.
Ein Naturelement kann man nicht besiegen, ich versuchte einen anderen Weg.  Nach all den Jahren akzeptiere ich die Flut als einen Teil von mir, der mich  immer wieder an den Rand der Verzweiflung bringt (aber eben nur an den Rand!) und deren Ende ich niemals absehen kann. Ich ergebe mich ihr, in der Hoffnung sie gnädig zu stimmen um wieder an Land zu kommen, irgendwann ………..….
EBBE!