Archiv für das Thema: ‘Gabi Müller’

8
März
2009

Halb ja, ½ 9

Gelesen am 8. März 2009 in Wels bei  frauenstimmen erlesen

Halb ja, ½ 9

Schon wieder zehn vor sieben. Der Radiowecker hat eine LED-Anzeige. Er hat eine LED-Anzeige gekriegt wegen unerlaubten Nichtleuchtens.
Ich wollte heute etwas früher aufstehen. Aber ich steh nicht auf. Ich bin keine Aufständische. Dabei sollte ich endlich einen Aufstand machen! Ich komme einfach nicht auf. Es ist kein Aufkommen. Erhöhtes Verkehrsaufkommen auf der A1. Mit Behinderungen ist zu rechnen. Klammer auf: fünf Sehfehler minus zwei Hörschäden plus zwei spastische Lähmungen, Klammer zu, hoch drei istgleich x.
Ich kann nicht einfach so in den Tag hinein leben. Aber wohin sollte man eigentlich sonst leben als in den Tag hinein? Das eigene Leben beleben als rechtmäßigen Lebensraum. Mein Lebensraum ist ohnehin recht mäßig.

Ich habe mir die Haare total verlegt. Ich bin Verlegerin! Ich habe meine Haare in Verlegenheit gebracht. Wahrscheinlich sind sie deshalb rot. Und die Haut auf meiner Stirn ist schon wieder trocken und schuppig. Die Creme einziehen lassen. Die Creme hält Einzug.
Was soll ich anziehen? Das Strickkleid? Praktisch ist es nicht, aber hübsch. Hübsch unpraktisch! Ich kann es nicht selber waschen. Ich muss es in die Putzerei bringen. Da wird es sauber teuer. Es ist wohl aus Wolle. Ein Kleid aus Wohlwollen wäre mir lieber oder eines aus Wirkstoff, in dem ich super wirke, oder aus Süßstoff, in dem ich süß ausschaue. Wasserstoff für Bademoden, Schulanzüge aus Lernstoff, Uniformen für die Postler aus Botenstoffen! Der Stoff, aus dem die Träume sind… Nicht mehr träumen jetzt, Frühstück machen!

Die Waschmaschine ist fertig. Ich muss die Wäsche raushängen. Mir hängt die Wäsche raus! Die Wäsche aufhängen. Zum Henker mit der Wäsche!
Das Bett wollte ich auch überziehen. Das Bett einer Überziehung unterziehen. Dem Bett werd ich eins überziehen! Eine etwas überzogene Reaktion.
Mein Konto ist auch frisch überzogen. Man sollte mir einen Kreditschutzverband anlegen! Bei der Bank habe ich einen Überziehungsrahmen. Vielleicht ginge das Bettenmachen auch leichter mit einem Überziehungsrahmen?
Nun erst einmal frühstücken und dann die Küche fertig machen. Die werde ich fertigmachen, die Küche!

Heute muss ich kochen. Gestern haben wir von der Pizza in den Mund gelebt. Heute muss ich etwas Richtiges kochen, nicht bloß Fast Food. Fast Essen. Beinahe echt… Nach dem Frühstück muss ich einen Einkauf hinlegen. Lieber würde ich mich selber wieder hinlegen. Aber ich muss Besorgungen machen. Ich bin besorgt. Ich bin besorgt wegen all der Besorgungen.
Einen Einkaufszettel schreiben. Der Kugelschreiber greift nicht an. Der Kugelschreiber hat einen Nichtangriffspakt mit dem Papier geschlossen. Der Nichtangriffspakt konnte nicht unterzeichnet werden, weil der Kugelschreiber nicht angegriffen hat… Ich brauche einen angriffslustigen Kugelschreiber, einen Kuli, einen Diener, einen Sklaven!

Der Kater hat gestern schon wieder einen Teller zerbrochen. Es ist eine Katerstrophe mit ihm! Aber das ziehe ich ihm vom Whiskas ab…
Ich sollte in den Supermarkt fahren. Da könnte ich gleich ein paar neue Teller besorgen und Glühbirnen. Gestern hat es einen Kurzschluss gegeben. Ich brauche eine neue Glühbirne für die Vorzimmerlampe und gleich ein paar als Ersatz. Ersatz bekommt man in einer Ersatzhandlung. Einen Kurzschluss bekommt man in einer Kurzschlusshandlung.
Bei der Trafik muss ich auch vorbei, einen Lottotipp abgeben. Es ist eine Doppeljackpot-Runde. Noch rasch den Tisch abräumen. Den Tisch und den Gewinn abräumen, die Kredenz und das Geld abstauben!
Es schneit. Das heißt, ich muss das Auto abkehren. Dieses dauernde Abkehren vom Auto führt bei mir noch zu einer gänzlichen Abkehr vom Auto.

Felix braucht ein neues Schulheft in Mathematik. Wir haben noch eines vom Vorjahr, wo nur die ersten beiden Seiten beschrieben waren. Ein neues Etikett drauf geklebt und fertig! Aber diese gummierten Etiketten haben nur auf den alten Schulheften gehalten. Die neuen mit den extrem glatten Umschlägen sind unbeschriftbar. Unbeschreiblich! Nicht zu etikettieren. Keine Etikette mehr heutzutage! Da muss ich also ein neues Heft kaufen. Was wollte ich noch kaufen? Ich kann mir nichts merken. Unmerklich vergesse ich alles. Ich bleibe unbemerkt.
Ah, ja, einen Bimsstein in der Drogerie! Ich habe eine Hornhaut auf den Fersen. Die Hornhaut ist mir auf den Fersen. Wie ihr entkommen? Fersengeld geben oder Fersensporn?

Erst einmal die Ärmel aufkrempeln, um den ganzen Krempel in den Griff zu kriegen: in der Küche ein Geschirrberg, im Bad ein Wäscheberg und ein Schachtelberg im Wohnzimmer. Alban Berg kann ich mir anhören dazu…! All das halb sortierte Zeug für die E-bay-Versteigerungen. Ich muss gleich einmal ins Internet einsteigen, um zu sehen, ob der alte Matador-Baukasten verkauft wurde. Gestern war Auktionsschluss. Ins Internet einsteigen – wie wahr! Ich muss über einen Berg Schachteln drüber steigen. Eine Wohnung für Einsteiger…
Der ganze Aufwand für ein paar Euro. Wenig – weniger – wenigstens! Versteigerungen: gut – besser – bestens;  hoch – höher – höchstens; weit – weiter – im weitesten Sinn; klein – kleiner – kleinlich; rasch – rascher – rush hour.

Jetzt ist endlich Schluss mit der E-bay-Versteigerei. Ich hab mich da verstiegen, hinein gesteigert.
Weg mit den Schachteln! Einstweilen unters Bett. Unter dem Bett ist es saudreckig. Da sollte ich wieder einmal saugen. Sau-Gen. Ich hab ein Sau-Gen, aber ich bräuchte ein Saug-Gen.
Der Baukasten hat fünfundsiebzig Euro gebracht. Das lass ich mir gefallen! Ich lass mir viel zu viel gefallen…
Die Briefmarkensammlung könnte ich auch verkaufen. Eigentlich interessiere ich mich nicht mehr dafür, obwohl ich schon fast dreißig Jahre sammle und einige schöne Stücke dabei sind. Vielleicht sollte ich sie doch wieder einmal anschauen? Mit Lupe und Pinzette! Ich hab gar keine Briefmarkenpinzette mehr; nur eine Pinzette zum Augenbrauen zupfen. Augenbrauen zupfen und Briefmarkensammeln… Ich hab mein Leben im Pinzettengriff!

Ein paar Tage war ich krank. Nun befinde ich mich bereits auf dem Wege der Besserung. Ich mache bereits Besserungsanstalten. Heute bin ich eigentlich schon putzmunter. Soll ich putzen? Ich muss das Chaos in der Wohnung konsequent angehen, weil es mich schon angeht. Aber ich bin nicht konsequent. Nicht einmal ein Konsequäntchen! Ich hab keinen Biss. Nicht einmal ein bisschen.
Dieser ewige Alltagstrott! Bin ich ein Alltagstrottel?